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Mein Name ist Sarah Dearly. Vampirzögling und Teilzeitthekenkraft, stets zu Diensten, und herzlich willkommen in meinem extrem chaotischen Leben.

Vor zweieinhalb Monaten wurde ich von meinem verfluchten Blind Date gebissen und in einen Vampir verwandelt, von Vampirjägern quer durch die Stadt gejagt und habe es dabei geschafft, dem attraktiven Meistervampir meiner Träume über den Weg zu laufen, kurz bevor wir zusammen von einer Brücke in den Fluss springen mussten, um nicht getötet zu werden. Und das alles in der allerersten Nacht.

Seither haben sich die Dinge ständig weiterentwickelt, und zwar ... verrückt wäre vielleicht das richtige Wort. Aber ich bin klargekommen. In den zehn Wochen als Vampir hat sich eine ganze Menge in meinem Leben verändert, aber ich bin immer noch ich selbst, die gute alte Sarah Dearly. Auch jetzt muss niemand in einer dunklen Gasse vor mir Angst haben. Zehn Wochen als Vampir sind vergangen, ohne dass ich jemanden in den Hals gebissen oder mich wie durch Zauberei in eine Fledermaus verwandelt hätte. »Böse« ist ganz eindeutig nicht mein zweiter Vorname.

Ich habe alles in allem betrachtet verdammtes Glück gehabt. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass es, gemessen an diesem ganzen unglückseligen Vampirkram, ein Spaziergang sein muss, einfach nur in eine Fledermaus verwandelt zu werden.

»Sarah, bist du bereit, den Mann zu treffen, der dein Leben für immer verändern wird?«

Ich blickte von dem knallharten Martini, den ich gerade mixte, zu der grinsenden Rothaarigen auf der anderen Seite des Tresens. Sie hieß Heather, war eine ehemalige Bedienung aus dem Haven, und ihre Begeisterung war beinahe ansteckend. Beinahe.

»Für immer mein Leben verändern? Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?«

»Ein Versprechen, hundertprozentig. Ein neues Ziel, neue Möglichkeiten. Die Chance auf eine fantastische Zukunft.«

»Falls ich den Job wirklich ergattern kann.«

»Du kennst mich doch. Natürlich bekommst du ihn!«

Okay, ich musste zugeben, dass ich ein bisschen aufgeregt war. Vor allem, da Heather mich gebeten hatte, mich heute Abend persönlich ihrem neuen Freund vorzustellen. Wir wollten uns in einem Café in der Nähe des Clubs treffen. Im Haven ging das nicht, weil der Laden nur für Vampire reserviert war. Das war eine strikte Regel. Heathers Freund war zwar ein Mensch, hatte aber offensichtlich nichts gegen Vampire, da er ja mit ihr zusammen war. Also war von dieser Seite her alles im grünen Bereich.

Ich mochte Heather sehr. Man hatte viel Spaß mit ihr, sie war lustig, und sie nervte nie, wenn ich die Bar machte und sie an den Tischen bediente. Sie hatte vor zwei Wochen gekündigt, nachdem sie dem Mann ihrer Träume begegnet war. Er hatte eine brandneue kommerzielle Webseite mit dem Titel »Vamp International« konzipiert, die nächsten Monat online gehen sollte. Und ich bewarb mich um eine Stelle, die mit Mode zu tun hatte. Nach Heathers Beschreibung klang das fast zu schön, um wahr zu sein.

Außerdem verdiente man zudem noch gut.

Ich nahm mein Trinkgeld aus dem kleinen Saftglas neben der Kasse. Ein kleines Saftglas, mehr brauchte ich nicht. Niemand hier gab der Tresenkraft Trinkgeld. Oder zumindest ziemlich selten. Ich hatte festgestellt, dass Vampire im Schnitt ziemlich knickerig mit Trinkgeld waren.

Das Haven gehörte meinem Freund. Der Nachtclub versorgte von neun Uhr abends bis zum Morgengrauen die Reißzahnbürger von Toronto mit Trinkbarem.

In weniger als einer Woche sollte das Haven den neuen Besitzern übergeben werden. Thierry hatte jüngst beschlossen, den Club zu verkaufen, und der neue Boss wollte offenbar seine eigenen Servicekräfte mitbringen. Das war zwar ziemlicher Mist, aber nicht wirklich überraschend. Zum Glück würde das Haven auch weiterhin ein Club für Vampire bleiben und war damit einer von momentan nur zwei solcher Läden in ganz Toronto; es war ganz nett zu wissen, dass man noch eine Anlaufstelle für seine Drinks hatte, aber ich konnte mich nicht mehr darauf verlassen, weiterhin regelmäßig einen halbwegs anständigen Gehaltsscheck zu bekommen.

Deshalb kam dieses Stellenangebot absolut zum richtigen Zeitpunkt für mich. Ich war pleite.

Ich spürte eine warme Hand auf meiner Taille, wandte mich von Heather ab und sah mich Thierry gegenüber.

Ich hatte ihn nicht kommen hören. Meistervampire waren schon ein verdammt verstohlener Haufen.

Thierry war außerdem, um es mit einem Wort zu sagen, umwerfend. Auf den ersten und selbst auf den zweiten Blick würde ihn niemand nur annährend auf siebenhundert Jahre schätzen. Er wirkte mehr wie Mitte dreißig und hatte obendrein dieses superscharfe, große, dunkle Reißzahn-Dings-Flair.

Eine ganze Menge Leute hatten vor ihm Schiss oder ließen sich von seiner manchmal kühlen und distanzierten Art abschrecken, aber für mich machte das einen Teil seines Charmes aus. Ich wusste, dass unter dieser kühlen Oberfläche ein Mann steckte, dessen Inneres genauso wunderschön war wie sein Äußeres. Aber ich war mehr als zufrieden damit, dass dies mein eigenes kleines Geheimnis war.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte er sich.

Ich nickte. »Ich wollte mich gerade zu meinem Bewerbungsgespräch aufmachen.«

»Hi, Thierry.« Heather lächelte ihn strahlend an, obwohl ich wusste, dass sie zu der Abteilung gehörte, die ihn nicht besonders mochte. »Ich warte hier auf dich, Sarah, okay?« Sie entfernte sich gerade weit genug, um uns ein bisschen Privatsphäre zu geben.

Thierry sah mich an. Seine Augen waren mittelgrau, aber irgendwie schimmerten sie metallisch-silbrig. Bis man sich daran gewöhnt hatte, war das schon ein bisschen gruselig.

»Du brauchst keinen anderen Job«, erklärte er.

»Und ob ich den brauche. Ich benötige einen netten, normalen Job, damit ich meine Rechnungen bezahlen kann.« Ich fischte den Cent aus dem Saftglas, der sich am Boden verklemmt hatte, und verstaute das Geld in der Reißverschlusstasche meiner Geldbörse. »Ich wollte mir ein neues Kleid für das Klassentreffen kaufen, aber das kann ich mir nicht leisten. Deshalb muss ich Amy fragen, ob sie mir etwas leihen kann.«

In zwei Tagen fand mein zehnjähriges Schultreffen statt. Obwohl ich in den letzten zweieinhalb Monaten seit meiner Metamorphose zum Vampir in ständiger Lebensgefahr schwebte, hatte sich die Lage doch so weit beruhigt, dass ich das Ereignis auf keinen Fall verpassen wollte. Es war mein letzter Auftritt als »normale« Person, bevor ich unfreiwillig und unwiderruflich mein neues Leben als Vampir annehmen würde. Genau, mein Leben als Vampir. Dass Vampire Un-Tote wären, war nur ein unseliges Gerücht, genau wie die Unterstellung, dass ich eine wandelnde Massenvernichtungswaffe wäre.

Im Moment kursierte gerade das Gerücht in der Szene, ich wäre die »Schlächterin der Schlächter«. Tztz. Da legte man nichtsahnend in Notwehr einen miesen Vampirjäger um, was die Legende zu zwölf Jägern aufbauschte, die ich .angeblich allein mit meinen zwar ordentlich manikürten, aber todbringenden Händen ermordet hätte, und schon ist der Ruf eines Mädchens ruiniert.

Ich fand das zwar furchtbar, aber vermutlich war es einer der Gründe, aus dem Heathers Freund Josh eingewilligt hatte, mich nachts um diese verrückte Uhrzeit zu einem Vorstellungsgespräch zu empfangen. Er war von meinem Ruf schwer beeindruckt. Von mir aus! Wenn es mir half, einen coolen Job zu finden, würde ich meinen Ruf, so gut es King, ausnutzen.

Thierry runzelte die Stirn. »Natürlich solltest du etwas Neues zum Anziehen haben. Wieso hast du mir nicht früher etwas gesagt?« Seine Hand glitt in die Vordertasche seiner schwarzen Anzugjacke, kam mit einer Geldklammer wieder heraus, und mit der anderen zupfte er ein paar Scheine ab. »Wie viel brauchst du? Sind tausend genug?«

»...ja, das dürfte genügen.« Beim Anblick der Geldscheine lief mir das Wasser im Mund zusammen, aber ich zwang mich, es herunterzuschlucken. »Warte, Thierry, bitte. Ich ... ich möchte kein Geld mehr von dir annehmen.«

»Wie meinst du das?«

Neunzig Prozent meines Wesens gierten nach diesem Geldclip, und zwar nach dem ganzen, aber zehn Prozent hielten mich zurück. Es waren erstaunlich starke zehn Prozent. »Ich ... ich habe das Gefühl, dass ich dich die letzten zwei Monate genug geschröpft habe. Und jetzt bietet sich mir die Chance, mich bei Heathers Freund vorzustellen und mein eigenes Geld zu verdienen. Du darfst mir nicht immer Geld geben, wenn ich des Inhalts meines Kleiderschranks mal wieder überdrüssig geworden bin.«

»Es macht mir aber nichts aus«, erklärte er.

»Nein, aber mir. Ich muss auf eigenen Beinen stehen, wenn es um solche Dinge geht.«

Gott, ich war ja so erwachsen. Es war fast schon widerlich. Mein ganzes Leben lang hatte ich gedacht, ein reicher Freund wäre die perfekte Lösung all meiner Probleme. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es war wirklich fantastisch. Aber ich fühlte mich so ... unanständig. Und das nicht auf eine angenehme Art. Ich hatte das Gefühl, wenn ich sein Geld nahm, als Person weniger wert zu sein. Oder als Vampir. Oder als was auch immer.

Vor zehn Wochen war ich gefeuert worden, aus einem Job, der zwar schlecht bezahlt wurde, aber bei dem wenigstens die Gehaltsschecks regelmäßig kamen. Meine Ersparnisse hatten sich praktisch in nichts aufgelöst. Seitdem war ich auf Trinkgelder und Thierrys Großzügigkeit angewiesen. Dass ich wieder eine richtige Arbeit annahm, war längst überfällig.

Thierry verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. »Willst du damit sagen, dass du mich nicht wegen meines Geldes willst?«

Ich lächelte ihn an. »Und wie ich dich will. Aber mit dieser Geldsache muss ich irgendwie allein zurechtkommen.«

Er klemmte die Banknoten wieder in die Klammer und schob sie zurück in die Innentasche seines Jacketts. »Wenn du darauf bestehst ...«

Ein Stich des Bedauerns durchzuckte mich, aber ich unterdrückte diese Regung sofort. Es war die richtige Entscheidung. Ich ließ mich nicht aushalten. Und schließlich waren wir nicht einmal verheiratet. Dann hätte mir die Hälfte von Thierrys Moneten wenigstens rechtmäßig zugestanden.

Nein. Die Position von »Thierrys Frau« war von einer hinreißenden, siebenhundert Jahre alten französischen Vampirin namens Veronique besetzt.

Die sich derzeit nicht im Lande aufhielt.

Und die nicht das Geringste gegen unsere Beziehung hatte. Im Gegenteil, sie förderte sie sogar, was schon seltsam genug war. Die beiden waren bereits seit Jahrhunderten nur noch »auf dem Papier« Mann und Frau, wie man so schön sagt. Sich jedoch von jemandem scheiden zu lassen, den man vor mehr als sechshundert Jahren geheiratet hatte, war nicht so ganz leicht. Man konnte ja nicht einfach einen Anwalt engagieren und ein paar Dokumente unterzeichnen und fertig.

Letztlich war es mir auch gleichgültig.

Mehr oder weniger.

Also gut, es ging mir total auf die Nerven, aber ich versuchte, mich nicht in das Thema hineinzusteigern.

»Halt dich an Heather«, erklärte Thierry. »Und versprich mir, gleich nach dem Gespräch wieder herzukommen.«

»Versprochen.«

Seine Worte klangen vielleicht herrisch, aber er war nur vorsichtig. Als mein Ruf noch ganz frisch war, passten sogar ein paar Leibwächter rund um die Uhr auf mich auf. Jetzt hatte ich nur noch einen, einen Hünen von Kerl, der bezeichnenderweise Butch hieß und zudem ebenfalls ein Vampir war, was eine enorme Erleichterung war. Meine vorigen Leibwächter waren Menschen gewesen, und einer von denen hatte doch tatsächlich versucht, mich umzubringen. Aber das war eine andere Geschichte.

Jedenfalls hatte Butch kürzlich wie aus heiterem Himmel ein paar Tage frei genommen, vermutlich aus privaten Gründen. Das bedeutete, ich war zurzeit ohne Leibwächter, und deshalb fand Thierry es unerlässlich, dass ich immer mit jemand Vertrauenswürdigem zusammen war.

Offen gestanden fühlte es sich an, als würde ich permanent von einem Babysitter beschattet, aber wenn mich das am Leben erhielt, würde ich es so lange ertragen wie nötig. Mein Ruf würde irgendwann in Vergessenheit geraten, und die Jäger würden sich früher oder später etwas Interessanterem zuwenden. Ich hoffte inständig, früher.

In letzter Zeit hatten sich die Dinge an der Jägerfront deutlich beruhigt. Mir war zu Ohren gekommen, dass in Las Vegas gerade eine Art Jäger-Konferenz abgehalten wurde. Die Jäger strömten in Scharen dorthin, wie mit Holzpflöcken ausgestattete Zugvögel, die im Süden überwintern wollten.

Ich brauchte eigentlich nichts weiter zu tun, als zurzeit einen großen Bogen um Vegas zu machen. Nur ein durchgeknallter Vampir mit einer übermächtigen Todessehnsucht würde an einem Ort seine Beißerchen aufblitzen lassen, wo eine ganze Schar von Jägern mit spitzen Pflöcken herumhing.

»Gut. Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück bei deinem Vorstellungsgespräch.« Thierry beugte sich vor und streifte mit seinen Lippen die meinen. Unsere Beziehung hatte sich in letzter Zeit merklich verbessert. Sicher, er war eher der starke, stille Typ, und er hatte in gewisser Weise auch eine  ... dunkle Seite. Gelinde gesagt.

Aber dass er mich in aller Öffentlichkeit küsste, war ein deutliches Zeichen dafür, dass es mit uns bergauf ging.

Nach einem weiteren Kuss und nachdem er mir ins Ohr geraunt hatte, ich sollte vorsichtig sein, verließ er den Gastraum des Clubs und verschwand wieder in seinem Büro, um den Rest des Papierkrams für den Besitzerwechsel vorzubereiten. Das war sicher sehr aufregend. Gähn.

»Bist du fertig?«, erkundigte sich Heather.

Ich nickte. »So fertig, wie ich nur sein kann.«

Die neue Thekenkraft war bereits eingetroffen, also verließen Heather und ich den Club und gingen das kurze Stück zu dem Café, ein kleiner Laden, der French Connection hieß. Er war auf überteuerte Cappuccini und Backwaren spezialisiert. Da mein Vampirmagen keine feste Nahrung verarbeiten konnte, hielt ich mich an meine flüssige Diät und bestellte einen Kaffee. Schwarz.

Heathers Freund Josh saß an einem kleinen Tisch in der Ecke. Er war niedlich, etwa um die zwanzig, hatte dunkle, zerzauste Haare und braune Augen. Ich mochte ihn sofort.

Er stand auf, umarmte Heather, küsste sie herzhaft auf den Mund und schüttelte mir dann sehr fest die Hand.

»Es freut mich sehr, dass ich endlich Gelegenheit habe, dich kennenzulernen, Sarah.« Er setzte sich wieder. Bis auf uns drei und den Kassierer, der hinter dem Tresen fleißig damit beschäftigt war, die Auslage in Form von Scones, Muffins und Croissants in perfekte Reihen von Kalorienbomben zu sortieren, war das Café leer.

»Mich auch«, sagte ich. »Heather hat mir von dir bereits vorgeschwärmt. Danke, dass ich mich bei dir persönlich vorstellen darf.«

»Aber nein. Ich muss mich bedanken, dass du mein Angebot angenommen hast.« Er griff in seine Tasche und zog einen kleinen Stapel Geldscheine heraus. »Betrachte dies als kleines Zeichen meiner Anerkennung. Es ist eine Vierhundertdollaranzahlung auf deinen ersten Gehaltsscheck.«

Ich blinzelte. Wow! Das ließ sich ja wirklich fantastisch an.

»Vielleicht können wir das Bewerbungsgespräch ja einfach überspringen, und ich fange übergangslos an«, scherzte ich.

Er lächelte und warf Heather einen Seitenblick zu. Die drückte seine Hand. »Ich hätte da noch ein paar Fragen. Wichtige Fragen.«

War es unhöflich, wenn ich das Geld gleich in meiner Tasche verschwinden ließ? Wahrscheinlich. »Schieß los. Mein Leben ist ein offenes Buch.«

»Wie lange ist es genau her, dass du von einem Vampir gezeugt worden bist?«

Ich runzelte die Stirn. »Das ist aber eine merkwürdige Frage für ein Bewerbungsgespräch, oder nicht?«

Er schüttelte den Kopf und lachte. »Ja, irgendwie wohl schon, das gebe ich zu.«

Heather lachte ebenfalls und tätschelte beruhigend meine Hand. »Josh will dich doch nur kennenlernen. Abgesehen davon richtet sich die Firma ja schließlich an Vampirkunden.«

»Oh.« Ich entspannte mich ein bisschen. »Na gut. Also, es ist genau gestern vor zehn Wochen passiert.«

»Zehn Wochen.« Er nickte. »Und du hast dich mittlerweile daran gewöhnt?«

»Mehr kann man wohl in der kurzen Zeit nicht erwarten.«

»Ich habe den Eindruck, dass du dich sehr gut hältst.«

»Ich versuche es.« Ich trank einen Schluck Kaffee und schüttelte mich unwillkürlich, weil er so bitter schmeckte. Ich nahm ein paar Heftchen Zucker, riss sie auf, schüttete sie in die dunkle Brühe und rührte um.

»Und hast du irgendwelche besonderen Fähigkeiten an dir bemerkt, seit du gezeugt worden bist?«

Ich dachte darüber nach. »Nun ja, meine Sinne sind schärfer geworden, aber es nicht sonderlich aufregend. Mein Gehör ist besser, und ich kann wirklich ausgezeichnet riechen. Außerdem sehe ich viel besser im Dunkeln. Meinst du so etwas?«

Er nickte. »Das bringt uns weiter. Und hast du irgendwelche hellseherischen Träume?«

»Hellseherische Träume?«

»Träume, die scheinbar die Zukunft vorhersagen.«

Ich runzelte wieder die Stirn. »Ich habe tatsächlich vor einigen Wochen einen Traum gehabt, der mir in gewisser Weise vorausgesagt hat, dass mir Ärger bevorsteht. Und einige andere waren recht lebhaft. Zählen die auch?«

Er nickte. »Irgendwelche anderen unheimlichen psychischen Fähigkeiten?«

»Ich habe letzte Woche zwanzig Dollar im Lotto gewonnen.«

»Bist du stärker geworden?«

»Vielleicht ein bisschen, aber ich würde wohl noch lange nicht als professioneller Boxer durchgehen.« Meine Miene verfinsterte sich immer mehr, als mein Argwohn wuchs. »Hör mal, diese Fragen sind mir ein bisschen unangenehm. Was hat das alles mit meiner Arbeit für dich zu tun?«

»Ich bin einfach nur ein neugieriger Mensch«, erklärte Josh. »Ich engagiere Vampire und muss deshalb ein paar Dinge über sie wissen. Das ist wichtig.«

Ich sah Heather an, die vollkommen auf Josh fixiert war und nicht im Geringsten beunruhigt von seinem merkwürdig vampirmäßigen Bewerbungsgespräch schien. Ich schob meine Bedenken beiseite und trank einen Schluck meines Kaffees, der jetzt viel zu süß war. »Okay, wenn du meinst.«

»Also...«, fuhr Josh fort. »Es geht das Gerücht um, dass du nicht nur das Blut von einem, sondern von zwei Meistervampiren getrunken hast. Stimmt das?«

Ich verzog das Gesicht. Noch ein Gerücht. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

Aber gut. Erst einmal war da natürlich Thierry. Er hatte mich gerettet, als mein ursprünglicher Erzeuger von Vampirjägern abgeschlachtet worden war, noch bevor ich die Zöglingsnahrung von ihm bekommen hatte, die ich zum Leben brauchte. Ich hatte einiges von seinem uralten und deshalb hochkonzentrierten Vampirblut getrunken - offenbar war das Blut eines Vampirs umso kräftiger, je älter er war. Da Meistervampire nur selten, wenn überhaupt, ihr Blut teilten oder Zöglinge zeugten, hatte das dazu geführt, dass die Nebenwirkungen meines Vampirdaseins, nämlich, dass ich mein Spiegelbild verloren habe und mir Reißzähne gewachsen sind, Monate, wenn nicht sogar Jahre früher aufgetreten sind als üblich. Ein richtiger Vampir zu werden, dauert normalerweise erheblich länger.

Und Nicolai war wohl ebenfalls ein Meistervampir. Jedenfalls so lange, bis sein Leben am spitzen Ende eines Holzpflocks ein Ende gefunden hat. Als einer der älteren Vampire im Ring, dem internationalen Vampirrat, hatte er vor drei Wochen Station in Toronto gemacht, um dem Ruf der Schlächterin der Schlächter auf den Grund zu gehen. Unglücklicherweise gab es eine Menge böses Blut zwischen ihm und Thierry, und das meine ich wörtlich. Als er herausgefunden hat, dass Thierry und ich zusammen sind, hat dieser irre Vampir versucht, mich aus Rache umzubringen. Bevor ich erfuhr, was er noch im Schilde führte, habe ich zufällig ein bisschen Blut aus seinem Handgelenk getrunken, das er mir in den Mund gesteckt hatte, als ich beinahe tot war. In solchen Situationen kann ein Vampirmädchen nicht allzu wählerisch sein.

»Richtig, zwei Meistervampire«, sagte ich schließlich. »Ich bin wohl wirklich sehr beliebt. Aber warum willst du das wissen?«

Josh musterte mich, ohne etwas zu sagen. Sein Blick glitt über meine dunkelbraunen, schulterlangen Haare, die ich hinter die Ohren gesteckt hatte, über meine Augen, die Nase, den Mund. Dann meinen Hals hinab zu meinem weißen Trägerhemd und für meinen Geschmack verweilte er ein bisschen zu lang auf meinen Brüsten. Mein schwarzer Wintermantel hing hinter mir über dem Stuhl.

»Gut, ich glaube, ich habe alle Informationen, die ich brauche«, sagte er.

»Also bekomme ich die Stelle?«, fragte ich und zwang mich weiterhin, das ungute Gefühl zu ignorieren, das mich zunehmend beschlich.

Er blickte Heather an. »Was meinst du?«

»Ich glaube, sie ist perfekt.« Heather lächelte und küsste ihn. »Genau wie wir es geplant haben.«

Ich schluckte. Das merkwürdige Angstgefühl, das von der ersten Minute an in meinem Magen rumort hatte, breitete sich jetzt in meinem gesamten Körper aus. »Können wir jetzt vielleicht über Vamp International reden? Habe ich den Job?«

Heather streichelte Joshs Gesicht, bevor sie ihn auf den Mund küsste, dann wandte sie sich mir zu und lächelte mich genauso strahlend an wie schon den ganzen Abend. »Okay, Sarah, bitte flipp aber jetzt nicht aus, denn es gibt kein Vamp International.«

Die Enttäuschung traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. »Was sollte dann dieses Gespräch?«

Sie schob mir das Bündel mit den Geldscheinen zu. »Vierhundert Dollar jetzt und vierhundert, wenn es erledigt ist.«

Ich beäugte das Bündel und sie misstrauisch. »Wenn was erledigt ist?«

»Du musst meinen Freund zeugen«, erklärte sie.

»Ich muss was?« Mein Herz hämmerte so laut wie ein Presslufthammer in meinen Ohren. »Wovon zum Teufel redest du da? Ich dachte, ich wäre zu einem Vorstellungsgespräch für eine Vollzeitstelle hier.«

Ihr Lächeln wurde ein wenig schwächer. »Mir war klar, dass du nicht gerade begeistert zugreifen würdest, wenn ich dir dieses Angebot einer Zeugung machen würde. Deshalb wollte ich, dass du Josh kennenlernst und siehst, wie großartig er ist und wie glücklich wir sind. Außerdem bezahlen wir dich schließlich für diesen Dienst.«

»Für diesen Dienst!.«, wiederholte ich. »Das ist absolut lächerlich.«

»Bitte.« Josh beugte sich vor. »Ich liebe Heather. Ich möchte ein Vampir werden, damit wir für immer zusammen sein können. Heather hat mir erzählt, dass du sehr romantisch wärest und das verstehen würdest.«

»Oh ja, ich verstehe vollkommen«, gab ich zurück und spürte, wie ich innerlich anfing, vor Wut zu kochen. »Du willst ein Vampir werden? Wieso bittest du dann nicht sie, dich zu zeugen?«

Er schüttelte den Kopf. »Sie ist die Letzte einer langen Reihe von Vampiren. Die Konzentration ihres Blutes ist viel zu dünn. Aber aufgrund deiner Zeugung durch zwei Meistervampire würde mich dein Blut stark machen, schon als Zögling. Deshalb musst du mich zeugen.«

»Vergiss es.« Ich schüttelte den Kopf. Das kam überhaupt nicht in Frage. Denn um das zu tun, müsste ich ihn beißen, und zwar möglichst in den Hals. So etwas hatte ich noch nie zuvor getan, und ich würde damit bestimmt nicht heute Nacht anfangen. Widerlich. Ich müsste so lange von seinem Blut trinken und meine Reißzähne in ihm lassen, bis der Vampirvirus, der aus der normalen, Durchschnittsachthundzwanzigjährigen, die ich einst gewesen bin, die freundliche Blutsaugerin von nebenan gemacht hatte, auf ihn übertragen wurde.

Nur über meine Leiche.

Sicher, ich brauchte Blut, um zu überleben, denn schließlich war ich ein Vampir. Aber genau dafür gab es diese Vampir-Clubs. Vampire besuchten diese Bars, um dort das benötigte Blut zu schlürfen. Nur wurde dieses Blut in Fässern von Firmen angeliefert, die das rote Zeug von freiwilligen Spendern erhielten, die dafür bezahlt wurden. Es war ein Geschäft, und je seltener die Blutgruppe, desto teurer das Blut. Die ganze Sache funktionierte ausgezeichnet, und keiner der Vampire, die ich kannte, hatte ein Problem damit. Denn das bedeutete auch, dass wir unser Blut nicht von ... der Originalquelle beziehen mussten. Das wäre in vielerlei Hinsicht grundverkehrt gewesen. Ich bekam meine tägliche Ration, ohne dass dabei einem Menschen auch nur ein Kratzer zugefügt wurde. Amen.

Natürlich war es mir anfangs schwer genug gefallen, das Blut aus dem Fass zu trinken, selbst als ich wusste, dass niemand verletzt worden war. Wenn ich jedoch nicht qualvoll sterben wollte - was ich auf gar keinen Fall in Erwägung zog -, konnte ich diese unangenehmeren Aspekte des Vampirdaseins nicht einfach umgehen.

»Ich verschwinde.« Ich stand auf, schnappte mir meinen Mantel, ignorierte das Geld, verließ das Café und trat, ohne mich noch einmal umzudrehen, in die eisige Nacht hinaus.

Also wirklich! Es gab vielleicht Leute! Was hatten sie sich dabei nur gedacht? Mich wegen so etwas mit einem fantastischen Job zu ködern! Das war absolut uncool.

Zahl mich, und ich zeuge deinen Freund. Hielten die mich etwa für eine Vampirhure oder so etwas? Ich biss doch niemanden für Geld. Ganz gleich wie pleite ich auch sein mochte.

Verdammt. Ich war enttäuscht. Offensichtlich war ein Job, der zu gut klang, um wahr zu sein, genau das. Und ich hatte Heather vertraut, ja, sie sogar als Freundin angesehen! Das war beleidigend und verletzend.

Ich hörte Schritte hinter mir, aber ich achtete nicht darauf.

»Warte, Sarah!«, rief Heather mir nach.

Ich betrat den kleinen schneebedeckten Park gegenüber vom Haven. Wenn ich ihn durchquerte, die Straße hinaufging und in die Gasse einbog, war ich wieder im Club.

»Bitte, hör uns zu.« Heathers Stimme hatte mittlerweile einen flehentlichen Unterton angenommen.

Ich blieb stehen und drehte mich zu ihnen um. »Hört zu, ich verstehe ja, dass ihr zwei verliebt seid. Das ist super. Wirklich. Aber es gefällt mir nicht, belogen zu werden, und ich habe auch nicht vor, jemanden zu beißen. Auch nicht gegen Geld. Niemals. Also vergessen wir einfach, was passiert ist, okay?«

»Wir zahlen dir zweitausend Dollar«, sagte Josh mit einem Blick auf Heather. Sie nickte.

Zwei Riesen? Das war eine Menge Geld und würde einen Großteil meiner derzeitigen Probleme lösen. »Das ist sehr großzügig, aber nein. Ich kann das nicht. Überleg dir das mit dem Vampirleben noch einmal. Es ist gar nicht so toll. Bleib lieber ein Mensch. Das macht erheblich weniger Stress, glaub mir.«

Auf Joshs Gesicht zeichnete sich Enttäuschung ab. »Das ist keine akzeptable Option.«

»Ich bin sicher, dass dir jemand helfen wird, wenn du es wirklich willst.«

»Nein, du musst das machen«, erklärte Josh, der in der Kälte zitterte, weil er nur einen Pullover anhatte, und die Arme fest um seine Brust schlang. »Du bist zurzeit der einzige Vampir, in dessen Adern das Blut von zwei Mastervampiren fließt.«

»Ich bin die Einzige?«, wiederholte ich überrascht. »Ernsthaft?«

Er nickte. »Es gab einen anderen Zögling, der das Blut von drei Meistervampiren in sich hatte, aber er wurde kürzlich von Jägern in Brand gesetzt und anschließend von Hunden in Stücke gerissen. Offensichtlich hatte er es in einem seiner hellseherischen Träume kommen sehen.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe alles genau recherchiert. Es muss ein Zögling sein, und er muss das Blut von mehr als einem Meistervampir getrunken haben. Das trifft auf dich zu. Du hast wirklich unverschämtes Glück. Meister lassen Zöglinge so gut wie nie von sich trinken.«

Mir drehte sich der Magen um. »Ich gehe jetzt zurück ins Haven.«

»Du musst mich beißen. Bitte, beiß mich, Sarah!«

»Beiß ihn, Sarah«, echote Heather. »Mach dir keine Sorgen, ich bin nicht eifersüchtig.«

Der kalte Wind verstärkte sich. Ich hörte, wie er durch die trockenen Zweige über mir pfiff und den lockeren Schnee herunterfegte, der ganz in der Nähe auf den Boden fiel. Ich seufzte resigniert. »Auf wie viele Arten soll ich denn noch nein sagen?«

Heather zog die Augen zusammen. »Wie kannst du nur so egoistisch sein, du Zicke?«

Ich starrte sie erstaunt an. »Egoistisch? Weil ich deinen Freund nicht beißen will? Was ist denn daran egoistisch?«

Im nächsten Moment spürte ich eine Hand auf meiner Hüfte und den unverkennbaren Druck eines spitzen Holzpflocks an meinem Hals. Josh stand hinter mir.

»Wir haben es auf die nette Art versucht.« Sämtliche Freundlichkeit und jegliches Flehen waren aus seiner Stimme verschwunden. »Wir haben dich freundlich gefragt. Wir wollten dich sogar bezahlen. Aber nein. Nur akzeptiere ich kein Nein als Antwort.«

Die Panik umklammerte mich fast ebenso fest wie Josh mich hielt. »Ihr habt mich freundlich gefragt? Als ihr mir etwas über einen Job vorgelogen habt?«

»Um Himmels willen, krieg dich mal wieder ein, ja? Das hier ist dein Job. Du zeugst mich oder ich bring dich um.«

Eine falsche Bewegung, und der Pflock landete in meiner Hauptschlagader, also versuchte ich, mich nicht zu rühren, auch wenn mein gesamter Körper unter Strom stand. Vielleicht wäre das jetzt genau der richtige Moment für eine andere Taktik.

»Die Schlächterin der Schlächter reagiert sehr ungehalten auf Drohungen, du Arschloch«, knurrte ich. Ich gab mir Mühe, so mutig wie nur möglich zu klingen, obwohl mir die Angst wie ein Kloß im Hals saß, während der Pflock ihn von außen zudrückte.

Josh schnaubte verächtlich. »Uns ist natürlich klar, dass es nur ein Gerücht ist und du all diese Jäger nicht wirklich umgebracht hast. Aber das andere ist kein Gerücht. Du hast das Blut von zwei Meistervampiren getrunken. Das macht dich zu jemand Besonderem. Du brauchst mich noch nicht einmal richtig zu beißen. Der Virus steckt ebenso in deinem Blut wie in deinen Reißzähnen. Es spielt keine Rolle, ob du tot oder lebendig bist. Alles, was ich brauche, sind ein paar Liter von deinem Blut.« Er strich mit der Spitze des Pflocks meinen Hals entlang. Ein stechender Schmerz durchzuckte mich, und ich spürte, wie mir das Blut warm den Hals hinunterrann. »Siehst du? Du bist gar nicht so unverletzlich.«

»Lasst mich jetzt gehen.« Mein Blick zuckte zu Heather. Begriff sie denn nicht, was für ein gefährlicher Psychopath ihr Freund war? Sie schmachtete ihn jedoch nur liebevoll und ergeben an.

»Töte sie«, drängte sie ihn. »Wir können das Geld, das wir ihr zahlen wollten, für unsere Flitterwochen gebrauchen.«

Ich stieß vor Schreck vernehmlich die Luft aus, während ich versuchte, nicht vor Angst zu zittern und einen möglichst klaren Kopf zu behalten. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in einer Situation wiederfand, in der es um Leben oder Tod ging. Obwohl ich nicht mehr ganz das ahnungslose Opfer war wie damals vor zehn Wochen, als mein Blind Date mich zum Vampir gemacht hatte.

»Josh«, ich schlotterte am ganzen Körper, »wir können doch sicher darüber reden, hm?«

Der Druck des Pflocks an meinem Hals ließ ein wenig nach. »Können wir?«

»Nicht wirklich.« Ich trat ihm mit aller Kraft auf den Fuß und konnte mich aus seinem Griff lösen. Dann ballte ich meine Hand zu einer Faust und hämmerte sie ihm so fest ich konnte aufs Kinn. Ich besaß zwar nicht sonderlich viel Vampirkraft, da er jedoch nur ein Mensch war, reichte sie, um ihn ein Stück zurückzustoßen.

Es genügte, dass ich flüchten konnte.

Wenn da nicht plötzlich seine Vampirfreundin hinter mir gestanden wäre. Sie umklammerte mich und presste meine Arme gegen meine Seiten.

»Lass mich los, Heather!«, fauchte ich. »Sofort.«

»Niemals.«

»Ich dachte, wir wären Freundinnen! Wieso tust du einer Freundin so etwas an?«

»Weil ich Josh liebe. Vermutlich hat jemand, der mit einem kühlen, gefühllosen Idioten wie Thierry zusammen ist, keine Ahnung, was wahre Liebe ist, oder?«

»Das ist keine Liebe!«, stieß ich hervor.

»Wir werden für ewig zusammen sein.«

»Du kennst ihn doch erst seit ein paar Wochen, stimmt’s?«

»Das spielt keine Rolle. Ich weiß trotzdem, dass es für ewig ist.« Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in meine Arme. »Tu es, Josh. Jetzt!«

»Lass mich los!« Ich kreischte und wehrte mich so heftig, dass es mir beinahe gelungen wäre, mich loszureißen. Sie musste sich höllisch anstrengen, um mich festzuhalten. Ich wand mich in ihrer Umklammerung und drehte meinen Kopf nach hinten, um sie in die Nase zu beißen, doch in dem Moment prallte etwas ziemlich Ekliges gegen meine Brust.

Ich rang nach Luft.

Es war etwas Spitzes.

Schmerzhaftes.

Dann ließ Heather mich endlich los. »Tut mir leid, Sarah. Ich wünschte, du hättest uns eine andere Wahl gelassen.«

Ich riss die Augen auf, als ich den Holzpflock sah. Er ragte aus meiner Brust heraus. Mit zitternden Händen tastete ich danach und blinzelte heftig.

»Wa ... Was...?« Mein Mund war wie ausgetrocknet. Ich sank mit den Knien auf den kalten, harten Boden und starrte zu Heather hoch, die neben Josh getreten war. Sie blickten beide kühl auf mich herab.

O mein Gott! Ich war erstochen worden. Sie hatten mich gepfählt!

Ich bekam keine Luft. Der Schmerz in meiner Brust grub sich tiefer in meinen Körper, und die Nacht um mich herum wurde zunehmend dunkler.

Und ich hatte Heather für meine Freundin gehalten. Hatte ihr vertraut.

Zu schön, um wahr zu sein.

Ich schnappte vergeblich nach Luft und kippte zur Seite. Mein Kopf landete auf einem Haufen dicken weißen Schnees.

Ich konnte nichts mehr sehen und wurde bewusstlos. Ich würde sterben.

Wie aus weiter Ferne registrierte ich plötzlich hektische Bewegungen in meiner dunklen, nebligen Umgebung und hörte Josh und Heather schreien.

Dann folgte Stille.

Ich spürte Hände, die mich nach oben zogen. Behandschuhte Hände betasteten meine Brust und zogen mein Unterhemd hoch. Ich wollte protestieren, von wem auch immer begrabscht zu werden, aber irgendwie fielen mir gerade nicht die richtigen Wörter ein. Die Welt verschwamm vor meinen Augen.

Ein heftiger Schlag klatschte auf mein Gesicht. »Bleiben Sie bei mir, Sarah.«

Es war eine unbekannte, tiefe Stimme. Und eindeutig männlich.

»Wer  ... w  ... was ...?«

»Sie werden Ihnen nicht mehr wehtun. Der Pflock ... sitzt nicht in Ihrem Herzen. Er hätte es beinahe durchbohrt, aber eben nur beinahe. Sie können sich ziemlich glücklich schätzen. Ich habe schon gehört, dass Sie verdammt viel Glück haben. Sie kommen wieder auf die Beine. Das verspreche ich Ihnen.«

Ich zwang mich, meinen Blick zu fokussieren, bis ich die vagen Umrisse des Mannes vor mir erkennen konnte. Sein Gesicht verschwand fast völlig hinter einem schwarzen Schal. Ich konnte nur einen flüchtigen Blick auf seine Augen erhaschen. Er war dunkel gekleidet und trug einen langen schwarzen Mantel. Seine Hände steckten in schwarzen Lederhandschuhen. Er war groß und stark und hob mich ohne Mühe vom Boden hoch.

»D  ... d  ... der Pflock  ... ?« Ich konnte nur flüstern. Lauter zu sprechen tat zu weh.

»Diese Aufgabe überlasse ich lieber jemandem, der weiß, wie man das richtig entfernt. Ich will Ihnen nicht überflüssigerweise wehtun, und außerdem kann ich sowieso nicht hierbleiben. Ich bringe Sie zurück zu Ihren Freunden.«

Ich blinzelte. Selbst das tat weh. »W  ... wer sind Sie?«

»Man nennt mich den Roten Teufel.«

Die Stirn zu runzeln schmerzte ebenfalls. »Der R  ... rote Teufel?«

Was war das denn für ein verrückter Name?

»Still. Sparen Sie Ihre Kräfte. Sie werden sie brauchen.«

Der Rote Teufel - oder wie auch immer sein Name lautete - drückte mich schützend an seine Brust und verließ den Park im Laufschritt. Ich hatte den Eindruck, dass er zurück zum Haven ging, zumindest hoffte ich das, aber bevor ich mir wirklich sicher war, wurde ich vor lauter Schmerz und Schock wieder ohnmächtig.

Eines jedenfalls war zweifelsfrei klar.

Es war echt mies, gepfählt zu werden.

Ein Sarg für zwei
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